24/6, 2016

 

von Karolin Baumann

 

 

 

Die Arbeiten von Johanna K Becker setzen sich mit archaischen Vorstellungen von Landschaft, Paradies und Weltgeschichte auseinander und hinterfragen diese tradierten Muster gleichermaßen in ihrer tatsächlichen Gültigkeit und Bedeutsamkeit für die heutige Gesellschaft. Die abstrakten Leitbilder, die von Kultur zu Kultur variieren, begreift die Künstlerin dabei als fingierte Simulationen der Natur, sodass sie deren Konstruktionscharakter bewusst synthetisch reflektiert. Daher ist die Wahl des Materials Kunststoff keineswegs beliebig: Als Analogie zur Inhaltsebene führt die materielle Beschaffenheit der Skulpturen die Künstlichkeit der gesellschaftlichen Konzeptionen und Ideologien vor. Ebenso wird auf das Paradoxon hingewiesen, dass religiöse und kulturelle Mythen, die durch die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie längst überholt scheinen, in heutiger Zeit fortwährend derart präsent sind und unsere Imagination von Schöpfung, Paradies und Jenseits maßgeblich beeinflussen.

 

 

Mit der eigens für die Ausstellung angefertigten Skulptur 24/6 verarbeitet Johanna K Becker Erkenntnisfragmente, die sie aus der kritischen Auseinandersetzung mit der biblischen Schöpfungsgeschichte gewonnen hat. Das in durchsichtigem Kunstharz eingegossene figurative Innenleben der Skulptur verschmilzt Splitter des Schöpfungsmythos mit Bruchstücken der Evolutionschronologie: Gestirne, felsige Landschaften, Pflanzen, Tiere und Menschen, die wie in der Schöpfungsgeschichte sukzessiv in Erscheinung treten, treffen auf Nachformungen von Dinosauriern, Neandertalern und Urpflanzen wie dem Schachtelhalm. Die nahezu barock ausufernde Vielschichtigkeit der modellierten Landschaft sowie der pflanzlichen, tierischen und menschlichen Elemente erschließt sich erst in aufmerksamer Nahsicht und beim Gang um die Skulptur.

 

 

Präsentation auf einem Sockel und Illumination verleihen der Skulptur etwas Entrücktes, Transzendentes – ein nur flüchtiger Eindruck insofern, als dass die Grenzen des Korpus einmal mehr auf den Modellcharakter der Nachbildung referieren. Die Darstellungen sind gewissermaßen ein bildgewordener Gedanke, der nicht die Illusion eines kulturgeschichtlich oder religiös überlieferten Erklärungsmodells befördert, sondern umgekehrt dessen Künstlichkeit mit toxischer Farbgebung halluzinatorisch zur Ansicht bringt.  

 

 

Trotz der chemisch festen Beschaffenheit der aus Polymer modellierten und in Polyestergießharz eingegossenen Skulptur widersetzt sich deren Oberflächenstruktur jeglicher Greifbarkeit – es entsteht ein hybrides, ambivalentes Abbild, das zwischen Fluidität und Stabilität schillert. Nicht von ungefähr erinnern die Präsentationsform und die charakteristische Ausformung der Oberfläche an Präparate von Mollusken, maritimen Wesen und exotischen Pflanzen, mithilfe derer die naturwissenschaftlichen Sammlungen seit dem 18. Jahrhundert die Vielfalt der globalen Flora und Fauna zu dokumentieren versuchten. Auch diese Form der Mimesis von bis dahin fremden Lebensformen beruht letztlich nur auf einer vagen Ahnung der Unendlichkeit der irdischen und überirdischen Landschaften – ebenso wie die biblische Genesis seit jeher einen unanfechtbar scheinenden Schlüssel für die Beschaffenheit der Welt liefert, der bis heute von den Kreationisten wörtlich verstanden und als solcher verteidigt wird.